Story-Samstag #2

storysamstag

Hallo, ihr Lieben!

Ja, es ist nicht Samstag. Aber hey, bei Tante Tex Story-Samstag geht es dieses Mal ums Zeitreisen und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Deshalb habe ich selber eine kleine Geschichte zusammen gezimmert. Viel Spaß! 🙂


 

Vielleicht ist es einfach Karma. Mieses Karma. Möglicherweise habe ich in einem früheren Leben kleine, dicke Jungen gehänselt und das ist jetzt die Retourkutsche. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur dämlich. Wer weiß das schon?

Auf jeden Fall war es auf gar keinen Fall Absicht, dass ich den großen roten Knopf auf diesem komischen Kästchen auf Tante Tess‘ Dachboden gedrückt habe. Ich bin irgendwie drauf gefallen. Okay, vielleicht habe ich ihn auch gedrückt. Auf jeden Fall hatte ich auf einmal das Gefühl jemand würde mir ein glühendes Eisenstäbchen durch die Nase schieben und mich rückwärts durch eine Hecke zerren. Und gleichzeitig zusammenfalten. Und auseinander ziehen.

Und jetzt bin ich hier. Wo genau HIER ist, wollt ihr wissen? Ha, ja genau. Das glaubt ihr mir so oder so nicht. Ich  bin in Frankreich. Paris, um genau zu sein. Und nein, das ist nicht schön. Nicht nur, dass ich hier vermutlich keinen gut aussehenden Franzosen treffe, der mit glühende Liebesworte ins Ohr flüstert und mit mir mit dem Fahrrad die Seine entlang fährt. Ich bin im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Ich bin durch die Zeit gereist. Ins Paris zur Zeit der Französischen Revolution, um genau zu sein. Was habe ich gesagt? Karma. Oder wer halt sonst dafür zuständig ist, dass mir immer die dämlichen Sachen passieren. Keine Ahnung. Oder aber es ist ein sehr realistischer Traum. Hab ich mir am Dachboden etwa den Kopf angeschlagen?

Auf jeden Fall könnt ihr mir glauben, dass die Franzosen es natürlich nicht gerne gesehen haben, dass da plötzlich aus dem Nichts eine Frau in Bademantel und Häschenschlappen mitten in ihre Revolution geplatzt ist. Ich hatte schneller eine Degenspitze am Hals und die Hände in Eisen als ihr „Musketiere“ sagen könnt.
Ich bin mir ja nicht sicher, wie das damals in Frankreich mit der Hexerei war oder ob die Engländer das für sich gepachtet hatten, aber auf jeden Fall hat man mich in eine dunkle, miefende, feuchte Zelle geworfen. Vielleicht hält man mich für eine Spionin des Adels, was weiß ich. Jetzt wünsche ich mir, ich hätte in der Schule in Französisch besser aufgepasst. Oder in Geschichte.

Von draußen hört man jetzt Schritte. Das Klimpern eines Schlüssels. Haben die endlich erkannt, dass Bademantel und Häschenschlappen eine dämliche Verkleidung wäre für einen Spion? Die Tür fliegt auf. Herein kommt einer dieser degenschwingenden Vollidioten und schreit mich auf Französisch an. Mann, schaut euch diesen Schnurrbart an. Er sieht aus als hätte er einen toten Hamster auf der Oberlippe kleben. Der übergroße Hut hilft da auch nicht wirklich. Und warum ist deine Straußenfeder pink? Ich geh ja schon. Hör auf mich zu pieksen!

Ich werde einen niedrigen Gang entlang geführt. Die Fesseln schneiden mir in die Handgelenke und meine Patschen patschen auf dem Steinboden. (Patschen patschen, hihi!) Gott, ich drehe langsam durch. Der plötzliche Sonnenschein, als ich durch eine Tür nach draußen geführt werde, lässt mich beinahe erblinden. Boah, sind das viele Menschen. Irgendwer bewirft mich mit einer Karotte. Hallo?! Geht’s noch?
Der Weg ist lang. Leute starren mich an. Manche schreien mich an und ich muss nicht mal Französisch können, um zu wissen, dass ich gerade übelst beschimpft werde. Was soll denn dieser Mist überhaupt? Wo bringt Häuptling Pinke Feder mich hin?

Und dann sehe ich es. Es ist eine Holzplattform, ein Schafott. Guillotine und alles. Ein Typ in quitschgrünen Strumpfhosen lässt das Beil fallen und zerhackt eine Melone. Ich hau die Bremse rein. Das können die sowas von vergessen! Nope! Nope-di-nope nope! Keine Chance! Ich geh da nicht rauf. Ich hab überhaupt nix gemacht! Die spinnen, die Franzosen! Und überhaupt, kann mich jetzt bitte mal einer aus diesem Alptraum aufwecken? Langsam ist es nicht mehr lustig!

Natürlich bugsiert mich der Typ trotzdem die Stufen hinauf. Egal wie sehr ich schreie. Egal, was ich sage, wie sehr ich bitte, bettle, flehe.Was habe ich denn getan?! Ich bin keine Hexenspionin! Echt nicht! Verdammt, Karma, ein bisschen Hilfe bitte! Das mit dem kleinen dicken Jungen tut mir echt leid! Oder was auch immer es war. Ich verspreche, ich werde mich mit seinen Nachfahren in Verbindung setzen. Ich werde Kuchen mitbringen. Oder Gemüse, wenn ihnen das lieber ist. Da, ich hätte gerade einen halben Salatkopf anzubieten, der kam gerade geflogen. Hallo? Karma? Bitte! BITTE! Ich bin Bloggerin, holt mich hier raus!

Mein Kopf wird in die Guillotine gesteckt. Jetzt hilft auch kein Beten mehr. Dem Karma bin ich offenbar egal. Der Kerl mit der pinken Feder verkündet etwas, die Menge jubelt. Grünstrumpfhose lässt die Knöchel knacken. Das Beil sieht scharf aus. Na, dann ist es wenigstens schnell vorbei. Mist, ich werde tatsächlich in Bademantel und Häschenpantoffeln sterben. Wie peinlich. Drei, zwei, eins…

Das Eisenstäbchen-durch-die-Hecke-ziehen-zusammenfalten-auseinanderziehen-Gefühl ist wieder da. Peng, puff, Harfenklänge. Ich liege auf Tante Tess‘ Dachboden zwischen den Staubmäusen und schaue mich um. Irgendwer ruft meinen Namen. Ach so, ich hätte ja die Kiste mit der alten Schullektüre holen sollen. Tante Tess wollte irgenwas beweisen. Irgendwas von witzigen Weibern oder so. Ich ignoriere das Kästchen mit dem großen Knopf, das einen Meter weiter verkehrt rum auf dem Boden liegt. Tse, Zeitreisen. Den Kopf werde ich mir angeschlagen haben. Warum räumt Tante Tess hier oben denn auch nicht mal auf? Kästchen mit Knöpfen. Zeitreisen. So ein Blödsinn.


Okay, ich weiß, dass das geschichtlich vermutlich ziemlicher Blödsinn ist. Aber lasst mir die Freude, ja? Ich hatte ziemlich viel Spaß dabei, diesen kleinen Text zu schreiben. Danke für das Thema, liebe Tante! 🙂

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21 Gedanken zu “Story-Samstag #2

      • Das kenne ich. Word scheint die reale Länge eines Textes geschickt zu verbergen. Aber wenn eine Geschichte erzählt wird, darf es ruhig mal ein etwas „größerer“ Text werden.
        Ja, ich habe auch einen Beitrag zur Zeitreise geschrieben, der übrigens ebenfalls etwas länger ausgefallen ist 🙂

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  1. Eine total klasse und genialtolle „Kurzgeschichte“ von Ms Medlock…

    Habe mich köstlich amüsiert… kicher…lach….

    Toll beschrieben die Szenen und Charaktere… zum Greifen nahe und wie mittendrin und dabei…
    kann garnet so wild mit beiden Daumen nach oben wedeln, wie ich begeistert bin von Deiner bildhaften Schreibe… breitgrins…

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  2. Hallo! Da hatten wir wohl eine ähnliche Idee. ☺️
    Um die Länge deines Textes machst du dir keine Gedanken mehr, wenn du meinen Monstertext siehst. 😱
    Bei mir fließt jedenfalls mehr Blut und so witzig zu lesen wie deine Geschichte ist meine wohl auch nicht.
    LG, Veronika

    Gefällt 1 Person

  3. Womöglich ist das realistischer, als die ganze Idealisierung der braven Bürgerrevolution. Aber hey, dass du einen Morgenrock und Häschenpantoffeln tragen darfst als Unadlige um diese Uhrzeit, statt mit roten, harschen Pfoten Wäsche zu waschen, hast du bestimmt denen zu verdanken.

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